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Katherine Bird, Wolfgang Hübner

Handbuch der Eltern- und Familienbildung mit Familien in benachteiligten Lebenslagen

Das Handbuch geht auf die 2010 im Auftrag der AWO verfasste Expertise „Familien in benachteiligten und von Armut bedrohten oder betroffenen Lebenslagen als Adressaten von Elternbildung und Elternarbeit“ zurück...

 

 

Handbuch der Eltern- und Familienbildung mit Familien in benachteiligten Lebenslagen

Katherine Bird, Wolfgang Hübner

€ 19,90, 206 S., Berlin/Toronto 2013

Das Handbuch geht auf die 2010 im Auftrag der AWO verfasste Expertise „Familien in benachteiligten und von Armut bedrohten oder betroffenen Lebenslagen als Adressaten von Elternbildung und Elternarbeit“ zurück. Neben den notwendigen Aktualisierungen ist zu der Expertise ein zweiter Teil hinzugekommen, der Module für Teamfortbildung und Trägerfortbildung enthält, die auf diese Weise einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

„Ziel dieses Handbuchs ist es, überkommene Zuschreibungen und Vorurteile zu hinterfragen und stattdessen eine neue Differenzierung der Familien, die in Armut oder Benachteiligung leben, zu erarbeiten, in die auch die Perspektive der Eltern mit einbezogen wird.“ (S. 15)

Anhand von qualitativen und regionalen Studien werden sechs Kategorien der Armutserfahrung abgeleitet, in denen vor allem auch die unterschiedlichen Lebenslagen der von Armut betroffenen Familien Berücksichtigung finden (S. 54): 1) Gestörte Selbstwirksamkeit, 2) Genussvolles Konsumieren, 3) In den Tag hinein leben, 4) Ausgebrannt und überarbeitet, 5) Souveräne Bewältigung, 6) Gemachte Fremdheit. Diese Kategorien sollen dazu dienen, die Erziehungskompetenz und Unterstützungswünsche der besagten Familien differenziert darstellen zu können und somit Anknüpfungspunkte für Familienbildung zu finden.

Obwohl sich in den letzten Jahren viel verändert hat, werden immer noch zu wenige benachteiligte Eltern von der Familienbildung angesprochen. Dazu braucht es andere, niedrigschwellige und vernetzte Strukturen, das Gespräch mit den Eltern, nicht über sie und die Fähigkeit, auf Lebens- und Lernerfahrungen wertschätzend eingehen zu können. Die Autor_innen unterscheiden dabei vier Formen der Familienbildung: institutionelle, informelle, mediale und mobile. Für jede der vier Formen benennt das Buch viele Beispiele, wie solche niedrigschwelligen Strukturen in Deutschland schon umgesetzt worden sind.

Es gibt wenige öffentliche Quellen mit Informationen über die Ansprache von Eltern in benachteiligten Lebenslagen, über ihre Motivation an Angeboten teilzunehmen, und ihre Rückmeldungen. Einen Zugang zu entsprechenden Bildungsangeboten scheinen Eltern fast ausschließlich über Mund-zu-Mund-Propaganda und persönliche Ansprache zu bekommen. Ist der Zugang gelungen, so ist es wichtig, neu gelerntes Material auch in Handlungsprozesse umsetzen zu lernen. Aus Befragungen hat sich ergeben, dass alle Themen nachgefragt werden, die Unterstützung in alltäglichen Erziehungsfragen und zur aktuellen Problembewältigung bieten, in denen es um Werte und Normen, Regeln und Grenzen, interkulturelle Unterschiede, Gesundheit und Ernährung, um Bildungsunterstützung für ihre Kinder und Kenntnisse über das Schulsystem, um Elternforen, Elterncafés und den Austausch mit anderen Eltern geht (vgl. S. 113). Eltern suchen Entlastung und Unterstützung, soziale Einbindung, Kompetenzerfahrung und Autonomie (vgl. S115).

Wendet man die gewonnenen Erkenntnisse auf die sechs Kategorien der Armutserfahrung an und fragt sich, was das nun für die Angebote von Familienbildung bedeutet, heißt das z. B. für die multiple Problemlage der Kategorie 1: Gestörte Selbstwirksamkeit, dass Familienbildung ein  Teil einer Präventionskette sein kann. Eltern mit gestörter Selbstwirksamkeit haben häufig aufgegeben, in ihrem Leben etwas verändern zu können. Familienbildung könnte offene Angebote, Elterncafés, Gespräche mit anderen Eltern einbringen sowie Angebote, die die Alltags- und Erziehungskompetenz fördern und damit Wege zur Selbstwirksamkeitserfahrung eröffnen.

Oder bei den überwiegend jungen Menschen der Kategorie 3: In den Tag hinein leben, für die Freiheit und Unabhängigkeit kennzeichnend ist, kann Familienbildung über mobile oder mediale Möglichkeiten unterstützen, neue, erreichbare Ziele zu formulieren, oder mit Angeboten zur persönlichen psychologischen Entwicklung (Selbstverwirklichung) und mit Rat zu Erziehungsfragen. Elterntalk oder FamTische, eigene Websites, Bloggs oder Chatrooms werden dafür als Beispiele angeführt.

Grundsätzlich muss die Bereitschaft der Eltern zur Zusammenarbeit vorhanden sein. Die persönliche Ansprache ist dafür eine entscheidende Voraussetzung. Seitens der Fachkräfte braucht es Geduld und eine offene, wertschätzende Grundhaltung. Die Aufgaben müssen klar definiert sein, regelmäßig reflektiert und supervidiert werden. Eine gute, vertrauensvolle örtliche Vernetzung ist hilfreich. Als noch zu lösende Aufgaben benennt das Buch u. a., dass es auffallend wenige Angebote für Menschen gibt, die über die Maßen belastet und gestresst sind, dass Väter selten erreicht werden, dass Hilfestellungen für den Umgang mit Armutslagen aufgrund äußerer Umstände fehlen und dass für diejenigen der Armutskategorie 2, die „genussvoll konsumieren“, noch kaum eine Ansprache gefunden wurde, die ihnen auch das Gefühl gibt, akzeptiert zu werden. Sollen Familien in Armutslagen angesprochen werden und an Möglichkeiten der Familienbildung partizipieren, sollten für sie keine Kosten entstehen!

Im Teil II des Buches werden fünf Module für die Fortbildung von Fachkräften der Familienbildung vorgestellt, die für Teams und Träger sehr hilfreich zur Vorbereitung der konkreten Zusammenarbeit mit Familien in benachteiligten Lebenslagen sind.

In ihnen werden die Zugangsschwellen, die Motivation und Ressourcen, das Umfeld und die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Menschen in benachteiligten Lebenslagen reflektiert und mit Beispielen aus der Praxis unterfüttert. Das Abschlusskapitel enthält sieben Erfahrungsberichte bzw. Fallbeispiele, anhand derer Unterstützungsmaßnahmen und begleitende Angebote erarbeitet werden können.

Ein interessantes Buch, das mit seinen neu entwickelten Kategorien eine differenziertere Betrachtung der Zielgruppe eröffnet, mit Vorurteilen konfrontiert und mit den vielen Praxisbeispielen und den Fortbildungsmodulen auf die konkrete Arbeit gut vorbereitet. Ein echtes Handbuch für alle, die sich in diesem Arbeitsfeld engagieren wollen.

Margit Baumgarten

ReihePraxiswissen Erziehung
VerlagVerlag Barbara Budrich,

ISBN: 978-3-8474-0102-5

19,90 Euro